Neue Weihnachtsbräuche im Viktorianischen England

von Ann-Kathrin Link

Während der Regentschaft von Queen Victoria etablierten sich einige neue Weihnachtsbräuche in der britischen Gesellschaft, die teilweise bis heute fortgesetzt werden. Wie der Weihnachtsbaum nach England kam, welche anderen Weihnachtsbräuche in dieser Zeit populär wurden und was zu ihrer Verbreitung beigetragen hat, wird in diesem Artikel über die Viktorianische Weihnacht beantwortet.

Über die Weihnachtszeit im Viktorianischen England finden sich viele literarische Werke. International besonders bekannt ist dabei Charles Dickens `A Christmas Carol´. Die Geistergeschichte in welcher der zu Beginn kaltherzige Ebenezer Scrooge durch drei gespenstische Besucher die Wärme und Weihnachtsfreude in sich findet, wurde vielfach verfilmt, parodiert und in andere Geschichten adaptiert. Es finden sich des Weiteren viele Geschichten über Weihnachtsbäume und weitere Bräuche, die neu im Viktorianischen England auftraten. Diese Geschichten waren nicht ausschließlich, aber doch häufig an Kinder gerichtet und versprühten die Atmosphäre eines gemütlichen und familiären Weihnachtsfestes.

Viele der noch heute geläufigen Weihnachtsbräuche in England fingen in den 1840er Jahren an in England populär zu werden: das Verschicken von Weihnachtskarten, der Weihnachtsbaum, die christmas cracker, das Vorsingen von Weihnachtsliedern an Haustüren (caroling) und die Weihnachtsgeschenke. Auch die Atmosphäre des Feiertages änderte sich, als der Fokus auf die Familie gelegt wurde. Die neuen Traditionen hatten dabei unterschiedliche Herkünfte. So kamen die cracker und die carol singers aus Frankreich. Die Bräuche waren nicht direkt neu, sondern wurden vielmehr neu in die viktorianische Gesellschaft eingeführt. Doch nicht alle Weihnachtsbräuche der Viktorianischen Ära kamen auch erst in dieser Zeit. Die Pute als Weihnachtsessen wurde beispielsweise von Henry VIII. popularisiert. Auch den Christmas Pudding gab es schon vor 1837, dem Krönungsjahr Queen Victorias mit dem die Viktorianische Ära beginnt. Allerdings wurde die Speise in dieser Zeit weiterentwickelt und auch die britische Königin fügte ihre eigene Tradition hinzu indem sie eine Münze in den pudding tat. Eine Tradition die von Vielen bis heute fortgesetzt wird und Glück bringen soll. Auch von sogenannten Weihnachtspantomimen, eine Tradition die es in England seit dem 15. Jahrhundert gab, war Queen Victoria ein großer Fan.

Denkt man heute in England daran, so wird sich sehr schnell darauf zurückberufen, dass Prinz Albert, der Mann von Queen Victoria, den Weihnachtsbaum von seiner Heimat Deutschland nach England gebracht haben soll.

Eines der wohl bekanntesten Brauchtümer, welches in der Viktorianischen Zeit nach England gekommen ist und auch weitere internationale Verbreitung gefunden hat, ist wohl das Aufstellen und Schmücken eines Weihnachtsbaumes. In Deutschland gab es diesen Brauch schon vor dem 19. Jahrhundert. Auch wenn Unsicherheit darüber besteht woher der Brauch genau kommt, manche beziehen sich auf das antike Ägypten, andere auf die Teutonen, so ist doch bekannt, dass es sich um einen heidnischen Brauch handelte. Nadelbäume standen aufgrund ihres Grüns im Winter in einer Tradition das ewige Leben zu symbolisieren. Am 24.12, an dem auch das Fest von Adam und Eva gefeiert wurde, stellte man im Westen von Deutschland einen Baum als Paradiesbaum auf, den man behängte. Dieser Baum wandelte sich dann zum Weihnachtsbaum und war im 18. Jahrhundert unter Lutheranern bereits sehr verbreitet. Die Kirche war aufgrund des heidnischen Ursprungs zunächst kein Fan dieses Brauchtums, nahm die Tradition nach einiger Zeit allerdings auch als Element des christlichen Weihnachtsfestes auf. Im 19. Jahrhundert war das Aufstellen eines Weihnachtsbaumes bereits tief in der deutschen Weihnachtstradition verwurzelt. Auch in anderen Ländern wie Italien, den Niederlanden und bei der russischen Oberschicht gehörte der Weihnachtsbaum bereits zur Tradition. Denkt man heute in England daran, so wird sich sehr schnell darauf zurückberufen, dass Prinz Albert, der Mann von Queen Victoria, den Weihnachtsbaum von seiner Heimat Deutschland nach England gebracht haben soll.

Tatsächlich war es aber Queen Charlotte, die 1800 den ersten bekannten Weihnachtsbaum der britischen Königsfamilie in Windsor aufstellte. Die in Deutschland als Sophie Charlotte zu Mecklenburg-Strelitz geborene Königin war die Frau von König George III., der auch für seine Regentschaft von fast 60 Jahren bekannt ist und damit den aktuell dritten Platz in der Reihe der am längsten regierenden britischen Monarchen und Monarchinnen belegt. Noch länger als er regierten nur Queen Victoria (fast 64 Jahre) und die amtierende Königin Queen Elizabeth II., die am 6. Februar 2022 ihr 70-jähriges Thronjubiläum haben wird. Queen Charlotte, die im Übrigen die Großmutter väterlicherseits von Queen Victoria war, kannte den Brauch des Weihnachtsbaumes aus ihrer Heimat und stellte ihn auch in England vor. Die Tatsache, dass man in Deutschland Tannenbäume schmückte und aufstellte war in England zu diesem Zeitpunkt zwar durch Berichte in einigen Kreisen bekannt, aber einen Einfluss auf eine mögliche Adaption des Brauches hatten sie wohl nicht. Erst durch den Weihnachtsbaum der königlichen Familie verbreitete sich das Wissen und die Ausführung des Brauches in den britischen upper-classes. So wurde auch von Queen Adelaide während der Regentschaft von William IV. bei einer Weihnachtsfeier am Hof ein Weihnachtsbaum aufgestellt. Die spätere Queen Victoria soll ebenfalls an dieser Feier teilgenommen haben. Doch während die britische Aristokratie der Königsfamilie nacheiferte und den Brauch übernahm, so erreichte er den Großteil der britischen Bevölkerung jedoch noch nicht. Denn die Gruppe welche von den Weihnachtsbäumen der königlichen Familie tatsächlich erfuhr und dem auch nacheifern wollte, war ausschließlich auf die upper-class beschränkt.

Doch um zu verstehen wie der Weihnachtsbaum im Viktorianischen England zu einem neuen etablierten Brauchtum, das bis heute andauert, wurde, muss man sich die Bevölkerung des viktorianischen Englands und besonders die königliche Familie ansehen. Obwohl Queen Victoria und Albert zwar nicht den ersten Weihnachtsbaum in England aufstellten so ist es dennoch sicher zu sagen, dass die Verbreitung und Etablierung des Brauchtums in England auf sie zurückgeht. Denn die Königinnen des Haus Hannover verbreiteten den Brauch nur in sehr kleinen, ausgewählten Kreisen. Seit der Viktorianischen Zeit jedoch fand der Weihnachtsbaum Anklang in allen gesellschaftlichen Schichten und wurde nun auch zu einer Tradition in England. Einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung hatte die Entstehung von neuen illustrierten Printmedien. Am relevantesten für die Verbreitung der Tradition des Weihnachtsbaumes in England war die ´Illustrated London News´. Diese Zeitung wurde 1842 von Herbert Ingram gegründet und galt als die respektabelste illustrierte Zeitschrift. Sie hatte eine internationale Ausrichtung und behandelte Themen des Vereinigten Königreiches und des britischen Empires. Sie richtete sich zu einem großen Teil an einen middle-class-Markt. Die middle-class der damaligen Zeit war in einer Wachstumsphase und die Zeitschrift spiegelte dies nicht nur, sondern gab ihnen auch ein Bild eines begehrenswerten Lebensstils. Die ILN wurde durch alle sozialen Klassen hinweg als ´March of Intellect´ gesehen. Sie war selbst Mitgestalter der Kultur und übte gesellschaftlichen Einfluss aus. Zuvor geschah der Palastalltag hinter verschlossenen Türen, aber durch Bildmedien und besonders die ILN wurde das Leben der Monarchie öffentlicher. Zur Verbreitung des Weihnachtsbaums trug im Besonderen ein Artikel und ein Bild der ILN bei. Es handelt sich um das im Dezember 1848 abgedruckte Bild von Queen Victoria, Prinz Albert und ihren Kindern mit einem geschmückten Baum, der auf einem Gabentisch voller Geschenke steht.

Queen Victoria, Prince Albert und ihre Kinder im Dezember 1848

Zusätzlich zu dem Bild wurde ein Artikel abgedruckt, der die Weihnachtstradition der königlichen Familie beschreibt. So wird detailreich von dem Schmuck erzählt, der an dem Baum hängt: Bonbongläschen und Körbchen gefüllt mit Süßem, Gebäck, verzierte Lebkuchen und Schleifchen, Früchte und kleines Spielzeug, sowie Glaskugeln und Lichter. Auf die Spitze wurde ein Engel gesetzt. Der Artikel beschreibt auch, dass es auf Windsor Castle nicht nur einen, sondern viele Weihnachtsbäume gab. Es gab in Queens Victorias Aufenthaltsraum einen Baum, der von Albert geschmückt wurde. Ebenso stand in Alberts Raum ein Weihnachtsbaum, der wiederum von Queen Victoria geschmückt wurde. Die aus Coburg importierten Bäume in den Räumen der anderen Familienmitglieder sind von beiden zusammen. Die Bäume standen auf einem Gabentisch der mit Geschenken für die Kinder bedeckt war, wobei jedes Geschenk durch eine namentliche Beschriftung zugeordnet wurde, sodass kein Streit unter den Kindern entstehen konnte. Nicht jeder konnte die Bäume der königlichen Familie besichtigen. Wer allerdings eingeladen war, wurde von der Königin herumgeführt um sich die beleuchteten Bäume in den Zimmer anzuschauen. Nach dieser Schilderung des Festes mit beschmückten Bäumen, Gabentischen und Geschenken für die Kinder, folgte eine Geschichte über Weihnachtsbäume in Deutschland, die den Lesern einen weiteren Einblick in diese neue Tradition geben sollte. Durch diesen Artikel wurde der Brauch, der die Jahre zuvor nur hinter geschlossenen Türe praktiziert wurde, einer breiteren Leserschaft bekannt, die ihn in den folgenden Jahre imitierte. Durch die neuen illustrierten Massenmedien verbreitete sich das Wissen darüber, dass die britische Königsfamilie einen Tannenbaum zu Weihnachten mit Schmuck aufstellte auch international in andere englischsprachige Gebiete. Und so haben Victoria und Albert tatsächlich den Brauch des Weihnachtsbaumes in England verbreitet. In einem Artikel von 1909, also acht Jahre nach Ende der Viktorianischen Zeit, wird der Weihnachtsbaum bereits als fest etabliertes Element der Feierlichkeiten beschrieben, das nicht mehr wegzudenken ist. In Covent Garden in London allein wurden in dem genannten Jahr 70.000 Weihnachtsbäume verkauft.

Auch abgesehen von der königlichen Familie war die Atmosphäre des Feiertages, die sich immer mehr auf die Familie bezog, ein nicht zu vernachlässigender Teil der Weihnachtsfestlichkeit.

Im 19. Jahrhundert fand in England ebenso wie in Deutschland eine Romantisierung der Kindheit statt. Dies ist auch die Zeit in der Weihnachten zu einem familiäreren Fest wurde und der Fokus sich auch auf die Kinder und ihre Teilhabe an den Feierlichkeiten verlagerte. Zwar war Weihnachten zu Beginn des 19. Jahrhunderts gerade noch am Anfang ein Kinderfest zu werden, aber in der Literatur gibt es bereits Berichte, welche die Freude der Kinder als wichtiges Element aufgreifen. Der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge schrieb 1809 über sentimentale Weihnachtserfahrungen, die er bei einem Besuch in Norddeutschland machte. In anderen Berichten wurde von Geschenken und weihnachtlichen Läden mit Gebäck erzählt. Ebenfalls wurde angemerkt, dass die Deutschen als bekannte Spielzeughersteller, die Rolle des Spielzeug beim Verschenken wohl verstärkt haben. In England las man gern von dieser Atmosphäre was sich auch in der allgemeinen Weihnachtsliteratur sehen lässt, wie bereits zu Beginn des Artikels beschrieben. Obwohl es schon seit dem 17. Jahrhundert in England üblich war Geschenke zu verteilen, so blühte die große Kultur der Geschenke für die Kinder erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts richtig auf. Sie wurde zu einem neuen Brauch. Seit den 1840ern wurde der Ausdruck der Sentimentalität an Weihnachten mehr akzeptiert und so wurde Weihnachten auch im Viktorianischen England mehr familien- und kinderorientiert. Auch bei Beschreibungen von Queen Victorias Weihnachtsfesten wurde von Geschenken für die Kinder und einer gemütlichen Atmosphäre der Gemeinschaft berichtet. Aber auch außerhalb der Familie wurde dieser Brauch angenommen. Von Prinz Albert ist bekannt, dass er Weihnachtsbäume an Schulen und Kasernen verschenkte. Seine Frau, Queen Victoria, befahl laut der “Times“ bereits im Dezember 1842, dass jeder arme Erwachsene in Windsor Town Rindfleisch, Brot, Christmas Pudding, einen Packen Kartoffeln und etwa ein Liter Ale erhalten sollte. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1899 übergab sie den Frauen und Kindern der in Südafrika stationierten Soldaten Geschenke, die unter einen Weihnachtsbaum gelegt wurden. Als diese Dinge verstärkten die Traditionen des Baumes und vor allem des Geschenkegebens, dass sich weiter auf Kinder ausbreitete. Auch abgesehen von der königlichen Familie war die Atmosphäre des Feiertages, die sich immer mehr auf die Familie bezog, ein nicht zu vernachlässigender Teil der Weihnachtsfestlichkeit.

Ein weiterer neuer Brauch, der sich ausbreitete war das Verschicken von Weihnachtskarten. Prinz Albert, der dieses Brauchtum aus Deutschland kannte, wünschte sich auch für seine Familie in England eine festliche Karte. Dazu beauftragt die erste Karte zu designen war John Calcott Horsely in 1843. Das Motiv der Grußkarte war ein Bild der königlichen Familie beim Christmas Dinner. Es war möglich überschüssige Exemplare der Karte zu erwerben, allerdings für den Preis von einem Schilling, was für einen Großteil der Bevölkerung zu teuer war. So wurden 1000 Stück der Weihnachtskarte an Mitglieder der oberen Bevölkerungsschichten verkauft, die es sich leisten konnten und somit zu Beginn die Einzigen waren, die an diesem Brauch teilnahmen. Trotz allem wurden Kinder, auch die Kinder der königlichen Familie, dazu angehalten doch eigene Karten zu basteln. Durch die Reformierung des Postsystems durch die Einführung der “Penny Post“ in 1840 wurde das Versenden von Post weniger kostspielig. Dies, und eine Entwicklung der Karten war sehr günstig für die Verbreitung des Brauchtums. Die Tradition war in den 1880er Jahre bereits so umfassend verbreitet, dass sich eine ganze Industrie gebildet hatte, die pro Jahr Millionen von Weihnachtsgrußkarten produzierte. Es lässt sich also sagen, dass viele der noch heute geläufigen Weihnachtsbräuche in England in der Viktorianischen Ära anfingen in der ganzen englischen Gesellschaft populär zu werden. Der geschmückte Baum, die Grußkarten und die Atmosphäre die sich weiter ins Familiäre bewegte. Dies lässt sich auch auf Queen Victoria und Prinz Albert zurückführen, die durch ihre Darstellungen in den neuen Bildmedien dazu beigetragen haben neue Bräuche nicht nur in ihrer eigenen Familie, sondern auch in der britischen Gesellschaft zu etablieren.

Quellen:
Murray, Harold. “How We Got Our Christmas Tree.“ The Quiver, December, 1909, 225-6.
“The Christmas Tree at Windsor Castle.“ Illustrated London News, December 23, 1848, 409-10.

Literatur:
Armstrong, Neil. “England and German Christmas Festlichkeit, c.1800-1914.“ German History 26, no. 4 (October 2008): 486-503.
Britannica, T. Editors of Encyclopaedia. „Christmas Tree.“ Encyclopedia Britannica, June 4, 2021. https://www.britannica.com/plant/Christmas-tree.
Brunner, Bernd. Inventing the Christmas Tree. New Haven; Yale University Press, 2012.
Kosciejew, Marc. “Documenting Queen Victoria´s Christmas Tree: A conceptual analysis of newspapers, communities, and holiday traditions.“ Media History 27, no. 4 (February 2021): 457-75.
Rappaport, Helen. Queen Victoria: A Biographical Companion. Santa Barbara, California: ABC-CLIO, 2003.

Bildnachweis: Public Domain, Google-digitized, https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=uc1.c0000035865&view=1up&seq=423

Header: Johanna Böttiger
Layout: Anna O’Connell

Veröffentlicht von nomennominandum

Die Nomen Nominandum ist das Magazin der Student*innen des Historischen Seminars der LMU. Folgt der NN, deNN sie ist sehr gut!

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